Videos

Den Vögeln auf der Spur

Jedes Jahr wandern Milliarden von Tieren überall auf der ganzen Welt. Wissenschaftler um Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfszell untersuchen, warum Tiere diese oft gefährlichen Wanderungen unternehmen und wie sich Individuen entscheiden, wo und wann zu wandern. Sie statten Vögel, Fledermäuse oder Insekten mit Mini-Sendern aus und verfolgen die Tiere auf ihren Reisen.

Pioniere der Wildtier-Telemetrie

Bill Cochran, Ingenieur für Radiotechnik und inzwischen im Ruhestand, gilt als Pionier der Wildtier-Telemetrie. Er hat an der University of Illinois die technischen Voraussetzungen dafür geschaffen, dass Wissenschaftler Vögel mit Mini-Sendern ausstatten und so ihre Flugrouten verfolgen können. Martin Wikelski, Direktor am Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfszell, entwickelt diese Technik weiter. Künftig wollen die Wissenschaftler Tiere ihr gesamtes Leben lang auf ihren Reisen begleiten.

Wissen

Am Puls der Erde

Harzer Roller waren für die Bergleute im Harz eine Art Lebensversicherung: nicht der gleichnamige Käse, sondern die so bezeichneten Kanarienvögel, die Bergleute in die Region Anfang des 19. Jahrhunderts eingeführt hatten. Die Piepmatze sollten den Männern signalisieren, wenn in einer Grube giftige Gase austraten. Kanarienvögel reagieren nämlich extrem empfindlich auf die sogenannten Grubengase wie Kohlendioxid und Kohlenmonoxid. Grubenarbeiter nahmen deshalb immer einen Vogel in einem Käfig untertage. Wenn dieser von der Stange fiel, war es höchste Zeit, das Weite zu suchen.

Kanarienvögel wie dieser Harzer Roller reagieren sehr empfindlich auf giftige Gase. Bergleuten dienten sie daher früher als Frühwarnsystem vor Grubengasen. Bild vergrößern
Kanarienvögel wie dieser Harzer Roller reagieren sehr empfindlich auf giftige Gase. Bergleuten dienten sie daher früher als Frühwarnsystem vor Grubengasen. [weniger]

Ähnlich wie die Bergleute früherer Tage wollen Wissenschaftler heute die Sinne und Fähigkeiten von Tieren nutzen, um uns vor Veränderungen und Gefahren auf unserem Planeten zu warnen. Denn die Sinne der Tiere sind sogar der modernen Technik oftmals überlegen: Viele Arten haben extrem empfindliche Ohren, Augen und Nasen. Manche reagieren empfindlich auf Erschütterungen, andere nehmen Veränderungen des Erdmagnetfelds wahr. Und vor allem: Sie sind immer vor Ort. Es gibt kaum eine Region auf der Erde, in der keine Tiere leben.

Zu diesem Zweck entwickelt ein internationales Wissenschaftlerteam unter der Leitung von Martin Wikelski vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Radolfzell und der Universität Konstanz ein Weltraum-gestütztes Monitoring-System namens Icarus. Der Name steht für eine internationale Kooperation zur Erforschung von Tieren mithilfe des Weltraums (International Cooperation for Animal Research Using Space). Mit Icarus wollen die Forscher globale Bewegungen und Wanderungen von tausenden Tieren in Echtzeit analysieren und so über den Zustand unseres Planeten auf dem Laufenden bleiben.

Dies geht nur dank winziger Sender, mit denen die Tiere ausgestattet werden und die laufend die Position und andere Daten an eine Empfangsstation auf der Internationalen Raumstation ISS übermitteln. Von dort werden die Daten an eine Bodenstation geschickt und in der frei zugänglichen Datenbank MoveBank veröffentlicht. Mit der Installation der Antennen auf der ISS im Sommer 2016 beginnt die Testphase von Icarus.

Lange waren Telemetrie-Sender f&uuml;r kleine Tiere wie Insekten zu schwer. &Uuml;ber die Bewegungsmuster dieser Tiere wissen Forscher daher nur sehr wenig. Eine Ausnahme ist der Monarchfalter (<em>Danaus plexippus</em>): Seine j&auml;hrliche Wanderung von Nordamerika nach Mexiko wurde intensiv untersucht. Bild vergrößern
Lange waren Telemetrie-Sender für kleine Tiere wie Insekten zu schwer. Über die Bewegungsmuster dieser Tiere wissen Forscher daher nur sehr wenig. Eine Ausnahme ist der Monarchfalter (Danaus plexippus): Seine jährliche Wanderung von Nordamerika nach Mexiko wurde intensiv untersucht. [weniger]

Bislang konnten Verhaltensforscher und Ökologen Tiere nur für vergleichsweise kurze Zeit beobachten. Beringte oder markierte Tiere verrieten den Forschern ebenfalls nur wenig über deren Zugverhalten. So kommt es, dass nur etwa ein Prozent der Lebenszeit von Wildtieren bekannt ist. Über besonders verborgen lebende oder seltene Arten wissen wir noch viel weniger. Mit Sendern können Wissenschaftler dagegen Tiere ununterbrochen über einen langen Zeitraum beobachten, unter Umständen ihr ganzes Leben lang – eine Technik, die Telemetrie genannt wird. Die Telemetrie-Daten werden den Forschern zeigen, wo die Tiere sind und wie sie sich bewegen. Aber auch, mit wem sie zusammen sind, wie es ihnen geht und wie es in ihrer Umgebung aussieht.

Icarus erweitert aber nicht nur unser Wissen über das Leben der Tiere selbst. Die globalen Bewegungen und Wanderungen von Tieren sollen den Forschern auch verraten, was auf dem Planeten Erde gerade vor sich geht. Das Bewegungsprofil unterschiedlichster Arten wird nämlich maßgeblich durch ihre Umwelt bestimmt. Mit ihren oft dem Menschen überlegenen Sinnen können sie auf Umweltveränderungen genauso reagieren wie auf Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Vulkanausbrüche, bevor der Mensch sie überhaupt wahrnimmt. Die Tiere werden also unsere Sensoren sein, mit denen wir den Puls der Erde messen.

Mithilfe dieser Tiersensoren lassen sich also hoffentlich Naturkatastrophen vorhersagen, die Ausbreitung von Infektionskrankheiten verfolgen, Klimaveränderungen erkennen und bedrohte Tierarten besser schützen. Und nicht zuletzt lernen die Wissenschaftler ungeheuer viel über das Leben und Verhalten von Tieren.

Ökologie und Verhaltensforschung stehen damit vor einem ähnlichen Quantensprung wie die Genetik Mitte der 1990er Jahre, als das humane Genom-Projekt zur Entschlüsselung des menschlichen Erbguts ins Leben gerufen wurde. Telemetrie-Projekte wie Icarus könnten für unser Verständnis vom Planeten Erde das sein, was das humane Genom-Projekt mit der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts für die Genetik darstellt.

Menschen - Institutionen - Zeitplan

Über Icarus

Menschen - Institutionen - Zeitplan [mehr]
Icarus enthüllt nicht nur die Wanderrouten der Tiere, sondern misst auch ihre körperliche Verfassung

Leben in Bewegung

Icarus enthüllt nicht nur die Wanderrouten der Tiere, sondern misst auch ihre körperliche Verfassung [mehr]
Über das Leben dermeisten Tiere in freier Wildbahn ist kaum etwas bekannt - effektiv schützen lassen sich so nicht

Wissen zum Schutz der Arten

Über das Leben dermeisten Tiere in freier Wildbahn ist kaum etwas bekannt - effektiv schützen lassen sich so nicht [mehr]
Mit dem Wissen über Tiere als Krankheitsüberträger und ihren Wanderungen lässt sich die Gesundheit von Millionen von Menschen weltweit schützen

Krankheitserreger auf Reisen

Mit dem Wissen über Tiere als Krankheitsüberträger und ihren Wanderungen lässt sich die Gesundheit von Millionen von Menschen weltweit schützen [mehr]
Mit den Daten aus dem ICARUS -Projekt soll ein Frühwarnsystem mit Tieren geschaffen werden, das Erdbeben oder Vulkanausbrüche vorhersagen kann.

Frühwarnsystem der Tiere

Mit den Daten aus dem ICARUS -Projekt soll ein Frühwarnsystem mit Tieren geschaffen werden, das Erdbeben oder Vulkanausbrüche vorhersagen kann. [mehr]
 
loading content